Seit den frühen 1990er-Jahren findet im Gedenken an die antisemitischen Novemberpogrome von 1938 jährlich der antifaschistische und antirassistische Ratschlag in Thüringen statt. Die Veranstaltung dient der Vernetzung aktiver Antifaschist:innen und Mobilisierung von Personen aus der demokratischen Zivilgesellschaft für antifaschistische Anliegen. In diesem Rahmen soll der Ratschlag einen Raum für Austausch über inhaltliche und strategische Fragen bieten. Seit über drei Jahrzehnten bringt der Ratschlag dabei Engagierte aus Gewerkschaften, antirassistischen, antisemitismuskritischen, feministischen und antifaschistischen Initiativen, Bürger:innenbündnissen, Jugendverbänden, Parteien sowie aus linken und linksradikalen Zusammenhängen zusammen.
Der 35. Ratschlag findet am 6. und 7. November 2026 in Nordhausen statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, teilzuhaben, sich einzubringen, zu diskutieren und neue Kontakte und Bündnisse zu knüpfen.
Darum Nordhausen
Der Ratschlag soll durch Vernetzung und Bildung lokale, thüringenweite und auch darüber hinaus linke Kräfte mobilisieren und stärken. Das ist gerade in Nordhausen bitternötig. Ein Blick auf die Wahlergebnisse der AfD in den letzten Wahlen (Bundestagswahl 2025 39,5 %, Kreistagswahl 2024 33,3 %) zeigt, wie anschlussfähig extrem rechte Ideologien in Nordhausen sind. Es bleibt nicht nur bei Gedanken und Worten. Allein 2025 stieg die Zahl rechts motivierter Straftaten nach Angaben der Polizeistatistik im Kreis Nordhausen auf 141, wobei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Dabei wird ein breites Spektrum der Gewalt abgedeckt, dass von Volksverhetzung und gefährlicher Körperverletzung bis hin zu schwerer Brandstiftung reicht. Es gibt verschiedene extrem rechte Szenen in Nordhausen, so etwa auch eine aktive Reichsbürgerszene. Bis zum Jahr 2023, als die völkische Organisation “Artgemeinschaft” verboten wurde, fanden im Hotel Hufhaus in Ilfeld regelmäßig Rechtsrockkonzerte, geschichtsrevisionistische Veranstaltungen und heidnisch geprägte Feste mit mehreren Hundert Teilnehmenden statt, während das Haus zugleich als normales Wander-Hotel auftrat. Das Straßenbild in Nordhausen ist immer mehr durchsetzt von vermummten Jugendlichen mit einschlägig bekannten Kleidungsmarken der rechten Szene. Sie beleidigen Menschen, die nicht in ihr extrem rechtes Weltbild passen, bedrohen und attackieren linke Räume und Geflüchteten-Unterkünfte. 2024 wurden im Rahmen der Juniorwahl knapp 28.000 Jugendliche in Thüringen nach ihrer potenziellen Wahlentscheidung gefragt. 27,6 % hätten ihre Stimme der AfD gegeben. Dieser Zustand manifestiert sich auch in Landkreis und Stadt Nordhausen. Rechts zu sein ist im Trend. Was können wir dagegen tun?
Der Ratschlag soll linke und progressive Strukturen in Nordhausen und thüringenweit enger vernetzen. Unsere Ressourcen und Kompetenzen müssen gebündelt, die gegenseitige Solidarität gestärkt und neue gemeinsame Strategien erarbeitet werden, um für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen und den faschistischen Kräften entgegenzuhalten. Zu oft konnte der antifaschistische Widerstand in Nordhausen das Schlimmste nicht verhindern.
KZ Mittelbau Dora und Nachkriegszeit
1933 erhielt die NSDAP 46,7 % der Stimmen in Nordhausen, was noch über dem Reichsschnitt lag. Sämtliche Repressionen gegen politische Gegner:innen, Jüdinnen:Juden sowie weitere als “Gemeinschaftsfremde” stigmatisierte Personengruppen wurden auch in Nordhausen durchgesetzt. 1943 wurde das Lager Dora als Außenlager des KZ Buchenwald eingerichtet und in der Folge zum eigenständigen KZ-Komplex Mittelbau Dora ausgebaut.
Ziel war es, in den Stollen des Kohnsteins V1 und V2 Raketen zu produzieren, um den Kriegsverlauf zu Gunsten der Nazis zu ändern. Unter mörderischen Bedingungen wurden 60.000 Menschen zur Arbeit gezwungen und 20.000 Menschen getötet. Das Lager befand sich nahe der Stadt und umliegender Dörfer. Gefangene wurden für Zwangsarbeiten in Nordhausen eingesetzt, z. B. in der Stadtverwaltung oder bei privaten Firmen. Die Gefangenen des Lagers waren somit Stadtalltag und doch gab es keinen Widerstand.
Die Zeit nach der Befreiung vom Naziregime war auch in Nordhausen von Verdrängung und Instrumentalisierung der NS-Zeit geprägt. Zu Anfang wurden Spuren verwischt, die Baracken des KZs abgebaut und teilweise zum Wiederaufbau der Stadt verwendet. Später erinnerte die DDR an die sozialistischen und kommunistischen Widerständler:innen und Opfer der Nazis. Sie stellte sich selbst in diese antifaschistische Tradition. Viele Betroffenengruppen wurden ignoriert und Strukturen wie die Kategorisierung und Gängelung von Arbeitslosen oder anderweitig als abweichend erklärten “Asozialen” fortgeführt.
1990er-Jahre und NSU
In den 1990ern setzte auch in Nordhausen eine Welle rechter Gewalt ein. So zum Beispiel in der Nacht des 28. November 1991. Mike Baginski und sein Vater Rolf wurden von drei Neonazis aus sozialdarwinistischen Motiven brutal zusammengeschlagen. Rolf erlag 1997 den Spätfolgen der Verletzungen, Mike ist seitdem dauerhaft auf Betreuung angewiesen.
Der Haupttäter Michael See (später Michael von Dolsperg) wurde 1992 verurteilt – das rechtsextreme Tatmotiv wurde im Urteil jedoch nicht gewürdigt. Ein aktuelles wissenschaftliches Gutachten stützt die schon lange bestehende Forderung nach einer Anerkennung Baginskis als Todesopfer rechter Gewalt.
Später wurde See als V‑Mann mit dem Decknamen „Tarif“ vom Verfassungsschutz rekrutiert. Er galt als einflussreicher Netzwerker und wurde unter anderem gefragt, ob er das NSU‑Kerntrio verstecken könne. Bereits vor dessen Abtauchen in den Untergrund publizierte See während seiner Tätigkeit als V‑Mann die Zeitschrift „Sonnenbanner“. Darin wurde das spätere Konzept des NSUs einer “autonomen Kämpferzelle” propagiert. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos rezipierten nachweislich diese Zeitschrift. Nach der Selbstenttarnung des NSUs, die sich am 4. November dieses Jahres zum fünfzehnten Mal jährt, wurden Akten zu „Tarif“ vernichtet. Aufklärung wird dadurch erschwert und der Verdacht einer Vertuschung erhärtet sich.
Auch in der folgenden Zeit wurde seitens der extremen Rechten eine Vielzahl von Gewalttaten verübt – bis in die Gegenwart hinein. So ereignete sich jüngst ein erschreckender Fall nicht weit weg von Nordhausen: In Göttingen verletzte ein junger Faschist einen Antifaschisten lebensbedrohlich mit einem Messer. Als antifaschistischer und antirassistischer Ratschlag erklären wir uns solidarisch mit dem Betroffenen und seinem Umfeld. Überregionale Vernetzung und gemeinsamer Widerstand gegen die zunehmende rechte Gewalt ist dringender denn je. Dass Zusammenhalt innerhalb linker und anderweitig progressiver Kräfte zu Erfolgen führen kann, wurde etwa 2023 sichtbar, als die Wahl eines AfD-Oberbürgermeisters in Nordhausen verhindert werden konnte.
Gegen die autoritären Verhältnisse organisieren!
Nicht nur in Bezug auf eine erneute Präsenz von Neonazis in Nordhausen zeigt sich, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse derzeitig auch über Thüringen hinaus in autoritäre Richtung verschärfen: Die Delegitimierung und Kriminalisierung antifaschistischer Bewegungen nimmt zu. So erklärte 2025 etwa Donald Trump “die Antifa” zur Terrororganisation und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Thüringer AfD im Landtag einen Antrag auf ein „Antifa-Verbot“ einbrachte. Bei der am 6. September 2026 anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD erstmals die realistische Chance, die absolute Mehrheit zu erlangen. Ihr erklärtes Ziel ist es, das Bundesland nach einem völkisch-autoritärem Gesellschaftsideal umzubauen. Überall dort, wo die AfD an politischem Einfluss gewinnt, schafft sie einen fruchtbaren Boden für antifeministische, queerfeindliche, rassistische und antisemitische Gewalt. Doch auch in Bereichen der Gesellschaft außerhalb des Einflusses der AfD sind unter anderem Frauen\* und Queers, Rassismusbetroffene und Geflüchtete sowie Jüdinnen:Juden nicht sicher.
Auch patriarchale Gewalt und antifeministische Ideologien stellen dabei keine Randphänomene dar, sondern prägen gesellschaftliche Entwicklungen in alarmierendem Ausmaß. In Deutschland wird nahezu täglich eine Frau\* aufgrund ihres Geschlechts von einem Mann getötet. Auch die Zahlen zu häuslicher Gewalt machen die geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse deutlich: In Thüringen sind rund 70 Prozent der Betroffenen Frauen, während etwa 70 Prozent der Tatverdächtigen Männer sind. Zugleich haben die extrem rechten und queerfeindlichen Mobilisierungen gegen die Christopher Street Days (CSD) in den vergangenen zwei Jahren eines gezeigt: Antifeminismus und Queerfeindlichkeit fungieren zunehmend als verbindendes Element autoritärer und extrem rechter Akteur:innen und breiten sich verstärkt im öffentlichen Raum aus. Diese Entwicklungen sind keine voneinander getrennten Phänomene, sondern Ausdruck tiefverwurzelter patriarchaler Herrschaftsverhältnisse, die Gewalt gegen Frauen und queere Menschen legitimieren, feministische Errungenschaften infrage stellen und emanzipatorische Kämpfe angreifen. Ihnen entgegenzutreten, erfordert gesellschaftliche Aufklärung, politische Bildung und solidarische Bündnisse.
Das Ganze findet im Kontext eines sich immer weiter etablierenden autoritären Neoliberalismus statt. 2025 sagte der spätere CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz “Links ist vorbei”. Er meinte die Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Jenes Bündnis, das die Militarisierung Deutschlands vorantrieb, 100 Mrd. Euro in Aufrüstung steckte und eine deutlich restriktivere Migrationspolitik fuhr, bei der Abschiebungen beschleunigt, Haftzeiten verlängert und die Befugnisse der Behörden ausgebaut wurden. Die Parteien überbieten sich in ihrer rechten, menschenfeindlichen Politik und treiben den Rechtsruck voran, ganz ohne die AfD in den Regierungen. Die regierenden Parteien in Bund, Ländern und Kommunen sind verantwortlich für den ökonomischen Druck, der auf einem Großteil der Bevölkerung lastet. Konkret versuchen sie durch den weiteren Abbau des Sozialstaates, den Kampf gegen Arbeiter:innenrechte und Gewerkschaften sowie Ressentiments gegen Migrant:innen und Arbeitslose die permanente Krise der kapitalistischen Produktionsweise weiter zu verschleppen. Auch hier finden sich Beispiele im Landkreis Nordhausen – einem der ersten Kreise Thüringens, der die umstrittene Bezahlkarte für Geflüchtete einführte und zugleich die meisten Abschiebungen im ersten Halbjahr 2026 vornahm. Weiterhin hat der SPD-Landrat hat eine Maßnahme aufgesetzt, durch die unter 25-jährige Langzeitarbeitslose zu bis zu 40 Stunden Arbeit in der Woche gezwungen werden, bei einem Stundenlohn von 1,20 Euro. Sozialpädagog:innen und Kräfte des Ordnungsamtes stehen früh um sieben vor den Türen der Betroffenen und üben Druck aus. Bleiben die Türen geschlossen, kann die Grundsicherung der Betroffenen um bis zu 30 % gekürzt werden. Diese Maßnahmen sollen als abschreckende Strafen nicht nur die Arbeitskraft der Betroffenen ausbeuten, sondern auch den Druck auf die gesamte Arbeiter:innenschaft erhöhen. Die Message lautet: Ihr müsst eure Arbeitskraft um jeden Preis verkaufen – zu unseren Konditionen oder als Ein-Euro Kraft.
In dieser gesellschaftlichen Gemengelage stehen wir als Linke und Progressive unter massivem Druck. Eine starke antifaschistische und dezidiert kapitalismuskritische Kraft wäre als Gegengewicht angesichts solcher Verhältnisse notwendig. Allerdings wirkt unter anderem auch hier der Sog autoritärer Mechanismen als vermeintlicher Krisen-Löser: Wie auch anderswo finden in Thüringen immer mehr neupolitisierte Linke Halt in autoritär-kommunistischer Theorie und Praxis von Leninismus, Stalinismus und Maoismus. Auch ein Erlösungsantizionismus, der durch Feindschaft und Auslöschungsfantasien gegenüber Israel die ‚Probleme der Welt‘ zu lösen verspricht, ist seit dem 7. Oktober 2023 nach wie vor weit verbreitet.
Wir laden alle ein, die nach Kritik- und Lösungsansätzen hinsichtlich der derzeitigen gesellschaftlichen Lage suchen und sich vernetzen möchten. Wir möchten dem vielseitigen Autoritarismus der Gegenwart eine solidarische, reflektierte und entschlossene Theorie und Praxis entgegensetzen. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen ohne Angst verschieden sein können. Es ist Zeit, sich zu organisieren!
Kommt am 6. und 7. November 2026 nach Nordhausen!

